
Abstract – Panel 1
PD Dr. Christian Enzinger
«Das kranke Gehirn:
Gesellschaftliche Bedeutung der Gehirnforschung»
Jährlich erleiden ca. 20.000 Österreicher einen Schlaganfall,
das bedeutet ein Schlaganfall alle 6 Minuten.
Schlaganfall gilt als Hauptursache bleibender Behinderung im Erwachsenenalter. Bis zu 60 Prozent der Betroffenen benötigen nach einem Schlaganfall Hilfe im Alltag. Lähmungen, Gangstörungen, visuelle Wahrnehmungsdefizite, Sprach-, Sprech- oder Schluckstörungen, Depressionen sowie Gedächtnisstörungen sind häufige Probleme. Jahrelange intensive Forschung hat wesentliche Möglichkeiten des hilfreichen therapeutischen Eingreifens aufgezeigt. Dazu gehören vor allem die Thrombolyse, d.h. das rasche Auflösen von Blutgerinnseln in verstopften Blutgefäßen des Gehirns, die umfassende Behandlung in dedizierten «Stroke Units» und die konsequente Behandlung vaskulärer Risikofaktoren. Die für diese Erkenntnisse notwendige Gehirnforschung hat teilweise an Tiermodellen, teilweise am Menschen unter Zuhilfenahme bildgebender Techniken stattgefunden. Dadurch sind heute routinemäßig Einblicke möglich, die früher nur dem Pathologen zugänglich waren. Derartige Untersuchungen haben auch erst erkennen lassen, wie schmal die Gratwanderung zwischen der positiven Beeinflussung des Krankheitsgeschehens und dem Auslösen katastrophaler Komplikationen – wie der Einblutung nach Wiedereröffnung des Gefäßes – beim Schlaganfall leider ist.
Hirnforschung in noch engerem Sinn ist dort gefragt, wo es darum geht, das Wiedererlangen der Gehirnfunktionen nach einem Schlaganfall zu verstehen – und damit vielleicht auch Möglichkeiten zu bekommen, wie man diese Wiederherstellung bestmöglich fördern kann. Gemäß dem Behandlungskonzept der Europäischen Schlaganfallinitiative sollen Betroffene frühestmöglich einer eingehenden Neurorehabilitation zugeführt werden. Die wissenschaftliche Datenlage lässt derzeit jedoch wesentliche Fragen bezüglich der Art, optimalen Intensität und Dauer derartiger Maßnahmen unbeantwortet. Hier haben sich durch die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) neue Möglichkeiten aufgetan. Die fMRT erlaubt uns nämlich zu sehen wie das Gehirn arbeitet, und zwar sowohl als gesundes Organ wie auch nach einer Schädigung. Dabei machen wir uns die Veränderungen im Blutfluss zu Nutze, die bei Aktivierung von Gehirnzellen auftritt. Zerebrale Aktivitätsmuster zufolge einfacher Handlungen wie etwa einer Bewegung der Hand oder des Fußes können so räumlich abgebildet werden, wobei klar wird, dass hierbei ganze Netzwerke von Zellgruppen tätig werden. Diese Komplexität steigt natürlich mit der Schwierigkeit der Aufgabe und ändert sich bei krankhaften Einflüssen auf das Gehirn. Dabei wird erkenntlich, wie das Gehirn diese Schädigung zu kompensieren versucht. Serielle fMRT Untersuchungen vor und nach Neurorehabilitation deuten auf einen Zusammenhang zwischen geänderter Hirnfunktion und Rehabilitationserfolg. Dies unterstützt die Annahme, dass neuronale Plastizität mittels Training spezifisch gefördert werden könnte. Die fMRT bietet somit gewissermaßen ein «Fenster ins Gehirn» zur Visualisierung an der Wiederherstellung maßgeblich beteiligter Vorgänge. Mittelfristig scheint dadurch die Entwicklung neuer neurobiologisch fundierter – und besonders effizienter - Therapieansätze denkbar. Auch diese Art der Gehirnforschung erscheint somit gesundheitsökonomisch – und damit auch für unsere Gesellschaft – höchst bedeutsam.
Ein ethisches Spannungsfeld anderer Art könnte sich aber natürlich aus dem Umstand ergeben, dass derartige Untersuchungen auch individuelle Unterschiede in der Fähigkeit des Gehirns zum «Umlernen» nachweisen lassen könnten. Könnte und sollte damit der Einsatz kostenintensiver Ressourcen von den Erfolgsaussichten einer Behandlung abhängig gemacht werden? Derartige Fragestellungen werden in der Forschung gegenwärtig (noch) nicht berührt.

