
Abstract
Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c.
Carl Friedrich Gethmann
«Der Mensch handelt mittels seines Gehirns
(und nicht dieses in ihm) –
Sprachpragmatische Überlegungen zu
einigen Amphibolien in der gegenwärtigen Diskussion»
Die Bedeutung der sprachlichen Rekonstruktion im Kontext der Neuro-Debatte
Der Forscher konstituiert seine Wirklichkeit durch Prädikatorenregeln (Bedeutungspostulate). Es ist daher ein Mißverständnis, wenn Neurowissenschaftler (und ihre apologetischen Philosophen) meinen, sie hätten sich nunmehr vom Reden über die Wirklichkeit dieser selbst zugewandt.
Wer ist Akteur?
Es ist sorgfältig darauf zu achten, daß an der Akteursstelle in mehrstelligen Handlungsprädikatoren Ausdrücke für «wirkliche» Akteure (und nicht Teile solcher, metaphorische Akteure u.a.) stehen. Die Nichtbeachtung dieses Hinweises führt durchweg zu Scheinproblemen.
Was geht dem Handeln voraus?
Daß dem Handlungstoken andere körperliche Vorgänge vorausgehen, ist trivial (die gegenteilige Annahme wäre höchst unplausibel). Dennoch kann der Akteur eine unverursachte UrsacheWirkungskette initiieren. Das Geschlossenheitspostulat ist keine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern eine methodologische Bedingung jeder Naturforschung (es hat somit keinen deskriptiven sondern präskriptiven Status). Wird es «verletzt», heißt das lediglich, daß keine Naturforschung betrieben wird.
Wie sind das Handlungsereignis und die Hirnvorgänge miteinander verbunden?
Ereignistupel können in mehreren kategorialen Verhältnissen stehen, so daß die Kausalrelation nicht exklusiv und daher nicht zwingend ist. In handlungstheoretischen Zusammenhängen ist vor allem die Dadurch-daß («by»)-Relation von Bedeutung. Oft (oft aber auch nicht) handeln wir dadurch, daß sich im Gehirn das und das ereignet, und nicht, weil sich im Gehirn das und das ereignet.

