
Abstract – Panel 4
em. Univ.-Prof.Dr. Kurt Jellinger
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em. Vorstand der Neurologischen Abteilung, Krankenhaus Lainz
«Das alternde Gehirn»
Das Gehirn ist und bleibt das komplexeste und am wenigsten verstandene Organ des Menschen.
Die modernen Neurowissenschaften haben die komplexen Netzwerke im Gehirn, sowie deren strukturelle und funktionelle Veränderungen im Alter teilweise aufgeklärt, doch sind deren Ursachen sowie die Beziehungen zwischen Neuronen und normalen wie abnormen Geisteszuständen bisher weitgehend unbekannt. Die sich daraus ergebenden bioethischen Aspekte in den Beziehungen zwischen Bewusstsein, Metaphysik und Philosophie des Geistes bedürfen weiterer Erforschung. Steigende Lebenserwartung und starke Zunahme des Anteils älterer Menschen führen zu einem dramatischen Anstieg demenzieller Erkrankungen. Das Risiko fortschreitenden geistigen Abbaues im Alter von 65–100 Jahren beträgt 33 % für Männer und 45 % für Frauen mit einer jährlichen Inzidenz und Prävalenz von 1–2 % in der 7. Dekade bis über 45, bzw. 60 % in der 10. Dekade und einer Verdoppelung alle 5 Jahre. Die häufigste Ursache der Demenz ist mit 65 % die Alzheimer-Krankheit (AK), gefolgt von Demenz mit Lewy-Körpern (10–30 %), frontotemporalen und vaskulären Demenzen sowie Mischformen dieser Erkrankungen (je rund 10 %). Die AK als «Endemie des 21. Jahrhunderts» zeigt stärkste Zunahme in den Ländern der 3. Welt und führt zu weltweiten jährlichen Kosten von ca. 300 Mrd. US Dollar. Die morphologischen Veränderungen des alternden Gehirns sind Atrophie, fortschreitender Synapsen- und Neuronenverlust mit Beginn im mediobasalen Schläfenlappen, Amyloidablagerungen (Plaques) im Hirnparenchym sowie meist auf das limbische System beschränkte Tau-Pathologie (Neurofibrillendegeneration), die auch bei bis zu 50 % der kognitiv ungestörten Senioren auftreten, während ausgedehnte Tau-Pathologie mit Befall des Neokortex meist mit klinischer Demenz einhergeht. Konsensuskriterien für die klinische Diagnose der AK und anderer dementiver Erkrankungen kombiniert mit biologischen (MRI und Liquor) Markern erzielen eine Trefferquote bis zu 96 %. Die Neuropathologie mit Immunhistochemie, Molekularbiologie und -genetik gestattet bei homogenen Konsensuskriterien, harmonisierten Labormethoden und Standards für die Erfassung der Hirnveränderungen eine Diagnostik dementiver Erkrankungen in etwa 99 %, ohne bisher jedoch ihre Ätiologie und grundlegenden molekularen Prozesse voll aufgeklärt zu haben. Dies liegt an der enormen Komplexität der Hirnveränderungen und der Komorbidität im hohen Alter mit Zusammentreffen verschiedener Pathologien sowie erheblichen Unterschieden der Hirnläsionen zwischen jüngeren und hochbetagten dementen Personen, wobei letztere häufig «Demenzen ungeklärter Ätiologie» darstellen. Durch Datenfusion und einheitliche, durch prospektive klinisch-pathologische Studien validierte Kriterien sollten «Goldstandards» für die Diagnose neurodegenerativ bedingter kognitiver und anderer geistiger Störungen erarbeitet und ihre Abgrenzung von «gesundem» Hirnaltern ermöglicht werden, um künftige Grundlagen für ihre Früherkennung und wirksame Behandlung zu schaffen.

